Verrückt, verrückter FernSeeCrew 2020

Heute lassen wir noch einmal Inga zu Wort kommen. Sie berichtet von unserem (möglicherweise leicht verrückten) Vorhaben als Run & Bike Teams vom Berliner Fernsehturm nach Usedom zu kommen. In diesem verrückten Sommer wurden Grenzen etwas anders definiert…

„Glaubst Du ich habe den Verstand verloren?“

„Ich fürchte ja. Du bist übergeschnappt, hast eine Meise, bist nicht ganz bei Sinnen. Aber weißt Du was? Das macht die Besten aus.“

Lewis Carroll „Alice im Wunderland“

Ich sage es mal so: durch die Laufgruppe hat meine Meise viele gute Freunde dazugewonnen 🙂

Das Corona-Jahr… alle Laufveranstaltungen abgesagt… könnte man ja mal entspannt den Sommer genießen… oder? ODER?!

Nein, natürlich nicht! Es gibt immer verrückte Ideen – diese ging von Michael und Stefan aus. Bei einem ihrer Longruns schwadronierten die beiden über fehlende Herausforderungen und kamen prompt auf die Idee sich selbst eine zu schaffen. Wozu klein anfangen, das kann ja jeder! Es sollte ein Run & Bike werden – vom Berliner Alexanderplatz zur Seebrücke Zinnowitz auf Usedom – knackige 220 km (kann man ja mal machen). Und, kaum zu glauben aber wahr, innerhalb von kürzester Zeit fanden sich noch einige MitstreiterInnen und es formierten sich 6 Teams die dem Abenteuer ins Auge schauen wollten.

Es sollte das wärmste Wochenende im August werden (ja, Dramatik muss schon sein) als sich 6 Teams und ein tolles Support-Team am Alexanderplatz trafen. Entschlossene Gesichter wohin man blickte, kein Platz für Zweifel (*hüstel*), ein letzter Check der Ausrüstung, die letzten Anweisungen des Supports („Macht euer Racemap an“ – wie oft werde ich den Satz noch hören) und dann kam der Startschuss. Auf zum Meer!

Der Jubel am Start ist unterschiedlich groß. Jetzt wird es schließlich ernst.

Die erste Etappe lief erwartungsgemäß rund. Nach knapp 40km waren wir am ersten Verpflegungspunkt. Die Ansage von Torsten im Vorfeld war klar: „Da will ich euch höchstens eure Wasserflaschen auffüllen sehen“. Da hatte er seine Rechnung ohne seine MithelferInnen gemacht. Die SupporterInnen hatten so einen unglaublich tollen Verpflegungsstand aufgebaut – es gab einfach alles was das Herz begehrte. Und so wurde bei den meisten dann auch erstmal zugeschlagen, bevor es auf die zweite Etappe ging.

Sechs Stück Käsekuchen (nur vier im Bild) verlassen den ersten VP und machen sich auf die zweite Etappe.

Dieser Streckenabschnitt war für mich persönlich einer der schönsten. Wir fuhren lange am Wasser lang, eine herrliche Landschaft um uns herum und dann der Sonnenuntergang. Ich war total tiefenentspannt und habe jeden km genossen.#

Sechs super gut gelaunte Stück Käsekuchen laufen und Radeln dem Sonnenuntergang entgegen.

Etwa gegen 22 Uhr erreichten die meisten von uns den 2. Verpflegungspunkt. Nun hieß es, sich fertig für die Nachtetappe zu machen. Jacken, Armlinge usw. wurden zurechtgelegt, der Getränkevorrat mit viel Koffein bestückt. Ich glaube wir hatten alle Respekt vor der Nacht. Laut Flo käme jetzt ein sehr schöner Abschnitt durch den Wald. Kann durchaus sein – gesehen habe ich ihn leider nicht 🙂 Es war stockdunkel, die Wege nicht beleuchtet und trotz Lampen an den Rädern mussten wir uns sehr konzentrieren um nicht in ein Schlagloch zu fahren. Bei uns im Team wurde es merklich ruhiger, die meisten hingen ihren eigenen Gedanken nach. Kein Wunder, dass ich erst an eine Halluzination dachte, als plötzlich Torsten vor uns stand. In Tarnklamotten! Um uns einen komplizierten Wegabschnitt auf einem kaum erkennbaren Plan zu erklären. Mit einem Jagdmesser!! Glaubt ihr nicht?! Kann ich verstehen – ist aber passiert. Ich sag es ja: alle verrückt.

Der dritte Verpflegungspunkt war dann endlich gegen 3 Uhr erreicht – irgendwo im Nirgendwo. Mittlerweile waren die meisten von uns sehr müde – die Support-Crew ließ sich das jedoch nicht anmerken. Irgendwie schienen sie uns an der Nasenspitze anzumerken, was wir gerade brauchen. Und so wurden Kaffeebecher gereicht oder Schokoriegel. Der Sternenhimmel war fantastisch und wir konnten sogar die Starlink Satelliten sehen. Trotz allem wollten die meisten von uns schnell weiter – vermutlich hatten wir alle Angst, dass sonst die Müdigkeit siegt. Die allgemeine Durchhalteparole war: bald geht die Sonne auf und dann wird alles besser.

Die vierte Etappe zog sich merklich. Wir waren alle müde. Und habe ich erwähnt, dass wir immer noch irgendwo im Nirgendwo waren?! Und dann endlich kam der ersehnte Sonnenaufgang. Ich glaube Tanja hatte eine Ahnung, sie begrüßte die Sonne mit: „Da ist sie ja, die alte B***“. Und sie sollte Recht behalten: die Sonne entwickelte sehr schnell eine unglaublich Kraft und die Temperaturen kletterten schnell. In Kombination mit wachsender Müdigkeit und schmerzenden Muskeln keine gute Kombination. Spätestens da war allen klar: die letzten Abschnitte werden hart. In unserem Team haben wir versucht uns mit Musik bei Laune zu halten. Im Nachhinein weiß keine von uns wie es dazu kommen konnte, aber ausgerechnet „Cordula Grün“ wurde unverhältnismäßig oft gesungen (an dieser Stelle eine Entschuldigung an all die armen PassantInnen/ AnwohnerInnen, die uns hören mussten). Nach einer gefühlten Ewigkeit dann endlich der letzte Verpflegungspunkt vor dem Ziel. Ich war an dem Zeitpunkt nur noch müde und für mich ungewöhnlich still. Die SupporterInnen waren wie immer meine Rettung: wortlos wurde mir die Brille abgenommen und geputzt, meine Flaschen wurden aufgefüllt – ich musste an nichts mehr denken (hätte ich eh nicht mehr geschafft). Wir alle kratzen nochmal die letzten Kräfte zusammen und dann ging es auf den letzten Streckenabschnitt.

Die Sonne knallte mittlerweile immer unbarmherziger vom Himmel und es kamen recht anspruchsvolle Streckenabschnitte. Teilweise waren es eher Feldwege, sandig, steinig, Schlaglöcher. So kurz vor dem Ziel und wir mußten immer wieder schieben. Dann fiel auch immer wieder Racemap aus, eine App mit der die SupporterInnen unseren Standort bestimmen konnten. Anrufe von Torsten folgten: 

„Macht euer Racemap an“ 

„Geht nicht, kein Netz“

„Wo seid ihr denn grad?“

„Keine Ahnung. Hier sind Felder“ 

Ortsnamen wurden buchstabiert, dank schlechter Verbindung teilweise 10x – wir waren alle durch. „Es ist nicht mehr weit. Es ist nicht mehr weit…“

Dann endlich die Brücke – gleich sind wir auf Usedom. Die letzten 12 km – die längste Zielgerade in meiner „Läuferkarriere“. Dank der Supportcrew wurde es dann sogar ein richtiger Zieleinlauf: es gab Musik, Jubel, Applaus, Tränen. Und dann nur noch: Schuhe aus und ab in die Ostsee (ganz Baywatch like, versteht sich) – das kalte Wasser eine Wohltat für die verspannten Muskeln. Und sofort danach habe zumindest ich die Imbissbuden am Strand geplündert.

24,5 Stunden hat mein Team gebraucht. Wir alle sind an unsere Grenzen gegangen und haben diese sogar verschoben. Ich habe viel über mich gelernt und hatte eines der schönsten Wochenenden des Jahres. Würde ich es wieder machen? Mittlerweile denke ich: es gibt Erlebnisse und Erinnerungen die so einmalig sind, dass sie sich nur schwer wiederholen lassen. So wie es auch Filme gibt, die mit jeder Fortsetzung schlechter werden. Sollte es eine Neuauflage geben, schmeiße ich mich vielleicht in Tarnklamotten und lauer mit Salztabletten und Jagdmesser im Wald. „Warum ist eigentlich eure App nicht an?!“

Alice: „Das ist unmöglich.“

Hutmacher: „Nur wenn man nicht daran glaubt!“

Lewis Carroll „Alice im Wunderland“
Are we all mad here? Vielleicht ein kleines bisschen. Aber das Unmögliche zu schaffen, gelingt einem nur, wenn man es für möglich befindet.

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