S25 Berlin 2019

Wenn unrealistische Pläne plötzlich Realität werden, dann hat Michael mal wieder bewiesen: der Coach hat immer Recht.

Die Vorgeschichte

Aber von vorne. Silvester 2018/2019 – Sechs Coaches der Laufgruppe Wechselzone und zwei Noch-Mitglieder bald Neu-Coach-Anwärter sitzen beim obligatorischen Raclette und sprechen über ihre Lauf- und Wettkampfplanung für das bevorstehende Jahr. Nach einem überraschend erfolgreichen Debüt beim S25 Berlin 2018 sagt Angie, dass sie diesen gern wieder laufen wollen würde. Michael erwidert, er würde sich ebenfalls anmelden und sie wieder pacen, wenn sie die 25km in unter 2 Stunden läuft. Mathe-LK hin oder her, vollgefuttert zu fortgeschrittener Stunde, kam statt einer dafür benötigten Durchschnittspace nur ein „unfassbar schnell“ heraus.  Doch wer Angie kennt, der weiß, die sagt erstmal ja (oder in dem Fall eher „jaja, klar“ und denkt sich dabei „als ob“).

Das „Training“

Fast hätte ich mit einem Trainingsplan trainiert, aber nur fast. Das Ziel stand ja, die Bestandsaufnahme mit Flo hatte auch schon stattgefunden, doch noch bevor er die erste Einheit aufschreiben konnte, setzte meine Plan-Panik ein und ich beschloss wie immer zu trainieren. Also gar nicht. Und einfach zu laufen. Dienstags mit der Laufgruppe, am Wochenende und halt noch so, wenn es passt. Allerdings fing ich irgendwann im Frühjahr an doch donnerstags mal beim Intervalltraining auf der Bahn vorbei zu schauen. Und blieb sogar dabei. Im März ein schneller 10km Wettkampf, im April zwei Halbmarathons, davon einen mit Michael als Pacer in neuer Bestzeit. Zwei Wochen vor dem großen Spektakel bin ich also 21,1km in der vorgegeben Pace gelaufen und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass das ganz vielleicht an einem richtig guten Tag mit den richtigen Bedingungen eventuell sogar auf 25km klappen könnte.

Noch einmal schlafen

Einen Tag vorher war ich nicht unbedingt aufgeregt, aber von jetzt auf gleich fühlte ich mich richtig elend. Als würde ich krank werden. Kopfschmerzen, Übelkeit, Kreislaufprobleme, das volle Programm. Entsprechend schlecht schlief ich die Nacht. Patrick versuchte trotzdem mir Mut zu machen und versprach, am nächsten Tag irgendwie zur Unterstützung aufzutauchen.

Raceday

Der S25 ist bis heute der einzige Wettkampf, zu dem ich mit dem Fahrrad „anreise“. Vielleicht nicht so schlau, wenn man bedenkt, dass ich dafür ganz schön viel bergauf strampeln muss, aber immerhin ist man dann warm (und nach dem Rennen geht’s nur noch bergab). Ansonsten lief alles wie immer vor solchen Wettkämpfen. Die Gruppe findet sich irgendwo zusammen, es werden ein paar Fotos geknipst, gepostet, geteilt, die Starterbeutel werden abgegeben, Startnummern befestigt, in Toilettenschlangen gewartet. Freunde werden gedrückt und umarmt (ja, sowas durfte man mal). Und dann wird sich zu Tausenden in den Startblock gestellt. In meinem Fall mit Michael, ziemlich weit vorne und mit Patrick, der entgegen meiner Annahme nicht einfach nur zum irgendwo Cheeren aufgetaucht ist, sondern eine Startnummer aufgabeln konnte und ebenfalls mit mir laufen würde. Die Stimmung der beiden Herren: „Kann ja nichts mehr schief gehen!“ Meine Stimmung: „Wir laufen erstmal los.“.

S25 Berlin 2019 – Das obligatorische Gruppenbild

Es war warm, aber nicht so warm wie im Vorjahr. Also für Mitte Mai sehr angenehm. Im letzten Jahr lief es bis km 16 wie am Schnürchen, dann wurde es langsam etwas anstrengender (halt wie bei einem HM) und nach den 21,1km betraten ich und ein kleines bockiges Mädchen in meinem Kopf Neuland, sehr zähes Neuland. Dieses Mal war das Tempo deutlich höher, dafür wusste ich, was mich auf der zweiten Hälfte erwartete (ein nicht steiler, aber langer, kräftezerrender Anstieg und ziemlich viel Staub auf den letzten km rund ums Olympiastadion). Seit ungefähr 14 Tagen besaß ich eine Laufuhr (alle Vorbereitungsläufe und Intervalle war ich noch ohne Uhr gelaufen), hatte aber die Ansage bekommen, nicht drauf zu schauen. Also wusste ich nicht genau, wie wir unterwegs waren. Aber auf jeden Fall waren wir schnell und ich deswegen eher ruhig. Michael wurde aber nie müde den Leuten um uns herum zu erzählen, dass wir heute „gemütlich in 2 Stunden ins Ziel rollen“ (ich hatte bis zu diesem Tag eine andere Definition von Gemütlichkeit). Unter diesen Leuten befand sich zufällig auch mein früherer Sportlehrer, der aber zum Glück etwas langsamer laufen wollte. Dennoch schlossen sich uns hier und da ein paar Läufer an, sodass Michael zwischendurch auch noch Werbung für unsere Lieblingslaufgruppe machen konnte. Nebenbei knackten wir meine 10km Bestzeit vom März und etwas später auch die gerade erst aufgestellte HM Bestzeit. (Und nur der Vollständigkeit halber, meine neue 5km Bestzeit sind wir auch gelaufen.)

Kurz nach der HM-Marke legte Patrick einen kurzen Stopp ein und wir liefen zu zweit weiter. Spätestens ab da begrenzte sich die Kommunikation zwischen Michael und mir auf folgenden Dialog, der sich ca. alle 2min wiederholte:
Michael: „Angie?!“
Angie: „Ja!“
Halb Berlin kennt jetzt also meinen Namen und denkt, außer „Ja“ kann ich nichts sagen.

Ich hatte wirklich keine Lust mehr, aber einen Lichtblick gab es, den Lauf durch den Tunnel ins Olympiastadion. Trommler und das Getrappel von hunderten Läuferfüßen. Gänsehaut pur.

Auf den letzten Metern zählt jede Sekunde.

Danach kommen noch 300m über die blaue Tartanbahn. Zwar standen mir plötzlich zwei kleine Kinder, die mit ihrem Papa mitlaufen wollten im Weg (und nach 25km am Limit ist ein Ausweichen auf die dritte Bahn nicht so prickelnd), aber zum Fluchen fehlte mir die Puste.

Sekunden später standen wir im Ziel. In einer Zeit von 1:59:45, unter 2 Stunden. Unfassbar. Nur wenig später  kam auch Patrick an, der nach seinem Stopp Falk eingesammelt hatte und statt zu uns aufzuschließen lieber bei ihm blieb. Und so stand einem glücklich grinsenden Siegerfoto, ahh Zielfoto, nichts im Wege. Keine Ahnung, wie ich danach zu meinem Fahrrad und nach Hause gekommen bin, irgendwie wie auf Wolken halt. Das Grinsen im Gesicht wollte die nächsten Tage gar nicht mehr verschwinden. Ich bin wirklich selten stolz auf mich und sowas wie Euphorie ist mir in der Regel fremd. Aber noch heute würde ich diesen Lauf als absolutes Highlight meines Läuferinnendaseins bezeichnen. Und deswegen freue ich mich schon auf den Tag, an dem wir wieder gemeinsam in Startbereichen stehen, gemeinsam Ziellinien überschreiten, gemeinsam unsere Grenzen verschieben, gemeinsam Dinge erreichen, die wir uns vorher nicht erträumt hätten und gemeinsam Spaß am Laufen haben und uns danach glücklich in den Armen liegen.

Ich habe schon so oft Danke gesagt, aber ich möchte es hier noch einmal tun. Danke, Michael! Danke, Patrick! Dafür, dass ihr mit mir gelaufen seid. Dafür, dass ihr an mich geglaubt habt, bevor ich es selbst tat. Und danke für eines der witzigsten Zielfotos.

P.S. Erst 1,5 Jahr später wurde mir übrigens Dank eines Hinweises von Tanja bewusst, dass mich Michael dienstags ganz gezielt in die passenden Pacegruppen geschickt hat, dass die Intervalle donnerstags kein Zufall waren und vermutlich auch nicht die Bestzeit beim Oberelbe-Halbmarathon als Generalprobe. Mit anderen Worten, ich habe doch irgendwie nach einem Trainingsplan trainiert. Ich wusste es nur nicht. 

P.P.S. Ich weiß, der Text ist lang geworden. Ich laufe gern lang und ich schreibe gern lang. Kurz und knackig liegt mir nicht… Also Danke an alle, die bis hierher gelesen haben. 

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